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Rebecca Aller
Vor 300 Jahren hat Rüsselsheim höchstens 800 Einwohner. Die heutige Stadtkirche, 1790 erbaut, gibt es noch nicht, wohl aber eine kleinere Kirche am selben Ort. Ob es in dieser Kirche schon eine Orgel gab, wie auch in anderen noch kleineren Orten in der Gegend? Musik war damals ausschließlich live! Viel wissen wir nicht, welche Musik in den Gottesdiensten erklungen sein könnte. Wohl aber wirkten um das Jahr 1700 ausserordentlich beliebte Komponisten in der Region.
Zum Beispiel Georg Phillip Telemann, der erfolgreichste deutsche Komponist seiner Zeit, von 1712-1721 in Frankfurt als städtischer Musikdirektor. Oder, heute am ehesten noch älteren treuen Kirchenchor-Sänger*innen bekannt, Wolfgang Carl Briegel, 40 Jahre Hofkapellmeister der Landgrafen zu Hessen-Darmstadt.
100 Jahre später haben wir Christian Heinrich Rinck, Schüler eines Bach-Schülers, ebenfalls in Darmstadt als Hoforganist und als Lehrer mit überregionaler Ausstrahlung. Von ihm stammt die Melodie des schönen Liedes mit dem Text von Hoffmann von Fallersleben „Abend wird es wieder“. Übrigens steht zu Rincks Zeiten dann auch die Stadtkirche in Rüsselsheim, so wie wir sie heute kennen. Rinck war als begehrter Orgelsachverständiger im September 1807 in Rüsselsheim, um die soeben aus der Konkursmasse des Mainzer Karmeliter-Klosters erstandene Orgel einzuweihen.
Aufhänger unseres Konzerts ist der 400ste Geburtstag von Wolfgang Carl Briegel (1626-1712). Was diesen Mann so sympathisch machte war, dass er seine Kirchenkompositionen explizit für bescheidene Verhältnisse konzipierte „damit sie auch an geringen Orten/als kleinen Städten und Dorfschaften (deren vielmehr sind als vornehme Capellen) könne gebraucht werden“ wie er sagte. Dazu passend ein Zitat von Telemann: „Wer vielen nutzen kann, tut besser als wer nur für wenige was schreibet“. Er möchte, dass sich mit seiner Musik „ein Anfänger üben, ein Meister hören lassen kann“. Auch Herr Rinck hat dazu etwas zu sagen:
„Ich möchte lange noch als Diener einer heiteren Kunst dem Ernste des Lebens nach Kräften eine freundliche Kehrseite verschaffen“
In einem gemeinsamen Projekt der beiden Rüsselsheimer Kantoren Jens Lindemann und Martin Höllenriegel werden bei diesem Konzert Kantaten der oben genannten Komponisten vorgestellt.
Martin Höllenriegel ist bekennender Briegel-Fan und sagt dazu: „Als Jugendlicher mit 17,18 Jahren war ich ein richtiger Kirchenmusik-Nerd. In den Chornoten-Archiven der Kirchenchöre fanden sich immer mal Noten zum Beispiel vom hier vorgestellten Wolfgang Carl Briegel. Wie gut, daß man in der Universitäts- und Landesbibliothek in Darmstadt, damals noch im Schloss, alle seine überlieferten Werke einsehen, lesen und auch abschreiben konnte! Die Aufzeichnungen und Kopien habe ich heute noch! Und den starken Patchouli-Duft des Parfums der Bibliothekarin habe ich auch noch in der Nase.“
Den Chor bilden die Dekanatskantorei Rüsselsheim, der Ev. Kirchenchor Hochheim und das Gesangsensemble „Cantemus“. Als Solisten konnten mit Danylo Shnitsar (Tenor) und René Kreuter (Bass) Studenten der Frankfurter Musikhochschule gewonnen werden und mit Nataliia Nalbat (Sopran), Dr. Marie-Luise Reinhard (Mezzosopran) und Benia Leonhardt (Barockvioline) lokale Künstlerinnen. Das Streicherensemble spielt auf historischen Instrumenten.
Der Eintritt ist frei, Spenden werden erbeten. Veranstalter ist das ev. Dekanat Groß-Gerau/Rüsselsheim. Dieses Konzert sollten Sie nicht verpassen, denn selten kann man sich einen Eindruck machen welche Musik denn vor 300 oder 200 Jahren auch in den kleineren Kirchen unserer Region erklungen sein könnte.
Programm Ablauf
Ballet und Couranta, A-Dur (Briegel)
Singet dem Herrn ein neues Lied (Briegel):
Vom verlorenen Sohn (Briegel)
Vom großen Abendmahl (Briegel)
Gott sorgt für uns (Rinck)
Vater unser (Rinck)
Zum Glück von zweien Welten schuf er, der Vater, euch (Rinck)
Komm, oh schönster Tag (Rinck)
Nun aber gehe ich hin (Telemann)